Mein Vater, Julián Vega Fernandez, ist Spanier und war Wirtschaftsflüchtling. Gegen seinen Willen. Wenn ich es mir recht überlege, ist er bis heute nie so richtig angekommen. Ich hätte dir gerne geholfen, Papa.
Mein Name ist Oliver Vega Berger. Geboren am 18. Juli 1967 in Osnabrück, Sohn des spanischen Auswanderers Julián Vega Fernandez und einer Deutschen, Rita Berger. Ich bin also ein halber Spanier sowie ein halber Südniedersachse. Eine exotische Kombination mit Seltenheitswert, die bis heute beim Betrachter eine gewisse Unsicherheit hinterlässt, wenn es darum geht, meine biologische Herkunft zu ermitteln.
Bei meinem Vater war das schon einfacher. Beim ersten Blick war klar: Ein Ausländer. Schwarzhaarig, starker Akzent, olivenfarbener Hautton. Nicht von hier. Ein Kanake eben, der sich bei uns nur die Taschen vollmachen will. Ja, der Deutsche war in den Sechzigern im kommunikativen Austausch mit Fremden nicht sonderlich feinfühlig, dafür aber umso direkter. Rassismus war wieder allgegenwärtig, jetzt wo die Gastarbeiter ins Land gelassen wurden, um die Drecksarbeit zum Beispiel bei Karmann zu machen.
Es war also keine Überraschung, dass die meisten Spanier nach vier, fünf Jahren am Fließband oder beim Gleisbau ihre Koffer packten und zu ihren Frauen zurückgingen, um das hart erarbeitete Geld in ein Häuschen oder in eine Wohnung zu investieren. Mein Opa, Vicente, samt Ehefrau Inés und Kindern gehörte zu der Gattung Gastarbeiter, die den Absprung verpassten, in der Heimatlosigkeit zurückblieben und viele Stunden im »Casa de España«, dem spanischen Club, verbrachten. Ein Stück Heimat.
Mein Vater, der im Club seine Leidenschaft für das Pokern sowie für Domino auslebte, schleppte mich an den Wochenenden regelmäßig mit. Ich will nicht behaupten, dass der Club mein zweites Zuhause war, das wäre übertrieben. Aber ich gehörte vor allem an den Sonntagen zu den Stammgästen. Viele Begebenheiten dort, auf die ich im weiteren Verlauf dieses Buches noch zu sprechen komme, haben sich geradezu in mein Gedächtnis eingebrannt.
Um die Zeit totzuschlagen gab es da diesen kleinen Innenhof, in dem ich stoisch meinen geliebten Fußball – den mit dem Weltmeisterlogo von 1974 – an die Wand donnern konnte. Immer im Wechsel. Innenrist, Vollspann, Innenrist, Vollspann. Zwischendurch auch mal ein kontrollierter Außenspann und natürlich die Kür: Ball hochhalten. Ja, ich war ein recht guter Spieler und schaffte es nicht umsonst bis in die erste B-Jugend-Mannschaft des VfL Osnabrück, was ich ein stückweit auch den stupiden Innenhofwand-Fußballstunden zu verdanken habe. Doch bevor ich mich jeweils um den Weltmeisterball kümmern konnte, musste ich erst das Ritual über mich ergehen lassen.